Gewässer-Offenlegung weltweit

In vielen Städten auf der ganzen Welt werden seit einigen Jahren verdolte Bäche offengelegt (Video Seoul, Korea).

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Im Zentrum der Stadt wurde 1976 der Cheonggyecheon River gedeckelt und mit einem vielspurigen Freeway für den Autoverkehr überbaut.

2005 ließ der neue Bürgermeister Lee Myung-bak mit einem finanziellen Aufwand von 384 Mio US$ den Freeway wieder abreißen und legte den kleinen Fluss wieder frei, um an ihm einen 5km langen Grünzug durch die Innenstadt entstehen zu lassen. 2007 wurde Lee zum Präsidenten von Südkorea gewählt.

Fotos: Seoul Cheonggyecheon River vor und nach Offenlegung

Zumeist wird von einer Stadt ein Masterplan (Bach-/Abwasserkonzept) erstellt, der dann über viele Jahre Stück um Stück, Bach um Bach, umgesetzt wird (Bsp. The London River Action Plan)(London – The Blue Ribbon Network).

Ein europäisches Paradebeispiel ist auch die Finanzgroßstadt Zürich

Zürich: Die Stadt hat 21km Bäche im Stadtgebiet offengelegt (50 Projekte in 20 Jahren) und das Programm wird weiter verfolgt.

Das Motto in Zürich: “Je dichter die städtische Besiedelung, desto grösser die Bedeutung eines Bachs im Raumgefüge”. Der Erfolg hat dazu geführt, dass die ‚Quartiere‘ darum streiten, wer als nächstes mit einer Bachoffenlegung drankommt, d.h. inzwischen haben die Bürger die Vorteile für sich entdeckt und wollen sie verwirklicht sehen!

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(Fotos Zürich)

Warum unternehmen Zürich und viele andere Städte solche Anstrengungen, gibt es doch viele wichtige Aufgaben der Kommunen, die auf den ersten Blick vordringlicher erscheinen?

  1. Die Einstellung der Menschen gegenüber Fließgewässern hat sich verändert. Früher dachten die Menschen, dass Bäche die Entwicklung der Städte behinderten. Heute weiß man, dass das Gegenteil richtig ist.
  2. Offene Fließgewässer wurden früher fast immer und überall als Abwasserkanäle missbraucht. Das führte zu Gestank, Dreck, Ratten usw., also mussten sie gedeckelt werden.

Der Grund weshalb man bis zum Ende des 19. Jahrhunderts stinkende Gewässer abdeckte, war überall nicht der Gestank und die Ratten, denn daran war man gewöhnt, es war die Angst. Die Angst, vor allem vor der Cholera. Die Medizin war bis 1884, d.h. bis zu Robert Kochs Entdeckung des Cholerabakteriums, nämlich der festen Überzeugung, dass Cholera alleine durch den schlechten Geruch von Gewässern übertragen würde, sog. Miasmen. Also musste man logischerweise, um das Überleben der Bevölkerung zu sichern, solche Gewässer abdecken (überall auf der Welt, auch in Darmstadt!)

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(Foto München – Überwölbung des Schwabinger Bachs 1890)

In den 70iger Jahren begann weltweit ein Umdenken, das in den 80iger Jahren sogar politische Mehrheiten übernahmen, die damit folgerichtig begannen, die Sünden der Vergangenheit zu beseitigen.

Eine große Rolle spielte dabei auch das sog. vernetzte Denken, das heißt man begann mehr in Zusammenhängen zu denken und erkannte deshalb auch die Bedeutung kleiner und kleinster Fließgewässer für den Hochwasserschutz an den großen und mittleren Flüssen. Integrierte Gemeinschaftsstrategien, wie sie auch die Wasserrahmenrichtlinie der EU fordert, waren die Konsequenz.

In den USA ging 1987 die Wissenschaftsstadt Berkeley in Kalfornien voran. Sie besitzt eine ähnliche Einwohnerzahl wie Darmstadt, hat auch eine Uni mit bisher immerhin 72 Nobelpeisträgern. Diese Uni hat zusammen mit der Stadt Berkeley den ersten urbanen Bach in USA offengelegt und gilt damit als der Initiator der zahlreichen sog. Daylighting-Projekte in den USA. Der Bach hatte allerdings, und das sei gerne zugegeben, einen weitaus hübscheren Namen als der Stadtbach Darmstadts, er heißt nämlich Strawberry Creek. Er führt aber keinesfalls mehr Wasser als der Stadtbach in Darmstadt. Vielleicht hätte ja Darmstadt seinen Bach auch schon offen gelegt, wenn er statt Darmbach Erdbeerbach heißen würde!?

Auch das Mega-EU-Projekt „Stadt von morgen und das kulturelle Erbe“ berühren in den Bereichen ‚sozioökonomische Verbesserungen für die Stadtbevölkerung‘ die Offenlegung von kanalisierten Fließgewässern. Das Projekt basiert auf der Erkenntnis, dass es angesichts des hohen Grades der Verstädterung in Europa unabdingbar geworden ist, den Fokus verstärkt auf eine nachhaltige Stadtentwicklung auszurichten.

Heute gelten offene, saubere und gepflegte Fließgewässer in Innenstadtbereichen als Zeichen einer verantwortlichen Lokalpolitik und einer professionellen Stadtverwaltung, denn sie stehen für eine gesteigerte Lebensqualität für die Bürger und ihre Gäste. In diesem Zusammenhang bedeutet ”Lebensqualität” zumeist: naturnahe Lebensräume und verbessertes Stadtklima mit hochwertigen Grünzügen, die erkennen lassen: Wasser ist Leben ([BMU][64]).

Das Ziel von Bach-Offenlegungsprojekten im urbanen Bereich ist also stets auch eine Aufwertung der Lebensqualität dieser Stadt.

Leider sind auch im parlamentarisch regierten System Entscheidungen häufig nicht sachlich begründet sondern reflektieren Glaubens- oder Ideologie-Einstellungen und sind fast ausschließlich darauf ausgerichtet, die Chance zur Wiederwahl bestmöglich zu wahren. Den Zusammenhang zwischen einer gesteigerten Lebensqualität der Bürger und der erhöhten Chance zur Wiederwahl haben aber viele Politiker leider noch nicht entdeckt.

Um Offenlegungen und Wiederherstellungen von Fließgewässern in Städten möglich zu machen, muss zunächst das Abwasser besser erfasst, getrennt und gereinigt werden. Danach besteht die Möglichkeit, saubere Fließgewässer wieder offenzulegen. In Städten, in denen die Voraussetzung dafür geschaffen wurde und Offenlegungen auch in die Tat umgesetzt wurden, entstanden entlang offener Fließgewässer attraktive neue Lebensräume für die Stadtbevölkerung. Der Wert der angrenzenden Grundstücke stieg, was Grundstücksverluste, die teilweise durch die Offenlegungsmaßnahmen vorkamen, kompensierte.

In zahlreichen Städten wurden auch Bäche, abweichend von deren früherem Verlauf, durch Parks umgeleitet. Die dortige Erfahrung zeigt, dass die Nutzung der Parks für die Bevölkerung attraktiver wurde.

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(Foto – Zürich)

Alle Städte, die den Weg der Offenlegung von kanalisierten Bächen gingen, konnten zeigen, dass Urbanität und Natur sich nicht ausschließen, sondern sich äußerst harmonisch gegenseitig ergänzen. Zürich, das bereits erwähnte positive Beispiel, wurde bis 2008 nicht zuletzt aus diesem Grund (“natural environment”) siebenmal in Folge in Mercer”s Quality of Living Survey als Großstadt mit der weltweit höchsten Lebensqualität ausgezeichnet. Seit 2009 stand es in jedem Jahr unter den 221 einbezogenen Großstädten immerhin auf Platz 2, im Jahr 2010 hinter München und 2011 hinter Wien. Das Mercer Ranking dient multi-nationalen Firmen als eine Entscheidungshilfe dafür, wo neue Büros und/oder Fabriken eröffnet werden sollten.

Es muss erlaubt sein bei dem exzellenten Quality of Living Ranking von München darauf zu verweisen, dass auch der Münchner Stadtrat (Stadtparlament) 1981 seinen Stadtbach-Umdenkprozess dokumentierte und den Auftrag gab, zu untersuchen, wie die noch vorhandenen aber überbrückten Stadtbäche wiederbelebt werden könnten. 1999 wurde der Spatenstich für das erste größere Offenlegungsprojekt im Innenstadtbereich gesetzt.

Wegen der Erfolge von Zürich hat sich die Schweizer Bundeshauptstadt Bern beeilt, mit der Stadt Zürich gleich zu ziehen und hat ebenfalls mit einigem Ehrgeiz ein Offenlegungs-Projekt in der Innenstadt gestartet. Dabei wurde allerdings als Bachbett eine Betonrinne in der Mitte der Straße so gebaut, dass zahlreiche Unfälle (Autos, Fahrräder und Fußgänger) vorkamen und die Rinne zum großen Teil durch Gitter wieder abgedeckt werden musste. Dies zeigt, dass für den Erfolg einer solchen Maßnahme Sicherheitsvorkehrungen von großer Bedeutung sind und niemals unterschätzt werden sollten.

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(Foto – Bern – Stadtbach 2005 in Unterer Altstadt teilweise offengelegt)

Deutlich besser und bisher ohne derartige Unfälle ist der Umbau des Markplatzes in Biberach a.d. Riss gelungen. Die Stadt, in der das Pharma-Weltunternehmen Boehringer Ingelheim seinen Sitz hat, hat seinen Marktplatz erheblich aufgewertet indem es den ehemals begrabenen Stadtbach dort wieder ans Licht geholt hat. Man möchte in Zukunft im Stadtgebiet noch weitere Teilstücke dieses Baches offenlegen.

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Foto – Bieberach – Marktplatz

Weltweit ist ein Offenlegungs- bzw. Wiederherstellungs-Trend für urbane Fließgewässer entstanden, der mittlerweile auch eine große wirtschaftliche Bedeutung hat. Die Bauindustrie, der Städtebau, die Landschaftsarchitektur/‘Landscaping‘, sowie die Wasserwirtschaft und Wassertechnologie haben Erfahrungen gesammelt, neue Konzepte erstellt und einen wichtigen neuen Wirtschaftszweig geschaffen.

In London treibt der konservative Bürgermeister Boris Johnson den “London Plan” voran, in dem auch vor Jahren der “London River Plan” beschlossen wurde. Danach werden die lokalen Stadtbäche nacheinander offengelegt und renaturiert wo immer dies machbar ist und machbar ist sehr viel, wenn man will. Man ist stolz auf  “The Blue Ribbon Network” das Netzwerk größerer und kleinster Bäche, die in der Vergangenheit größtenteils das gleiche Schicksal erlitten hatten wie fast alle Stadtbäche dieser Welt. Über 20 km Bäche wurden in London bereits erfolgreich offengelegt bzw. renaturiert.

Die Fotos (unten) zeigen wie 2010/2011 die Offenlegung des Saw Mill Rivers im Zentrum von Yonkers der viertgrößten Stadt im Staat New York durchgeführt wird, der in den 1920iger Jahren begraben wurde. 34 Mio $ werden heute verbaut, ein Park wird im Bereich der Offenlegungsstrecke angelegt.

(FOTO)(Yonkers, NY - USA)

(FOTO)(Yonkers, NY – USA)

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Als Bürger der Wissenschaftsstadt Darmstadt muss man sich deshalb fragen, woher die Stadtverordneten 2009 den Mut hernahmen, ihr eigenes Offenlegungsprojekt zu stoppen. Dies ist umso erstaunlicher, weil neben der positiven Auswirkungen des Offenlegungsprojektes auf die Ökologie und die städtebaulichen Chancen, damit auch eine deutliche Kostensenkung für das städtische Budget erreicht worden wäre. Unverständlich bleibt die 2009 getroffene Stop-Entscheidung vor allem deshalb, weil die Stadt händeringend nach Möglichkeiten sucht, ihre Schuldensituation zu verbessern. Immerhin bezahlt die Stadt Darmstadt jährlich mehr als 3 Mio Euro an das lokale Abwasserreinigungsunternehmen für die Einleitung des sauberen Bachwassers in Kanalisation und Kläranlage. Damit subventioniert sie freiwillig die Abwassergebühren der Bürger und Betriebe ([Gebührenzähler Darmbach e.V.][91]). Die ins deutsche Recht übernommene Wasserrahmenrichtlinie der EU verbietet im Übrigen seit 2010 Subventionierungen des Wassers und Abwassers.

Was den Städtebau angeht, so muss man z.B. auf einen Sachverhalt verweisen, der das Verhalten der Darmstädter Stadtverordneten noch unverständlicher erscheinen lässt:

Der größte und wichtigste innerstädtische Park, der Herrngarten, entstand im 16. Jahrhundert durch die Zusammenführung drei größerer und mehrerer kleinerer Gärten.

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(FOTO – Herrngarten in Darmstadt)

Die Landgräfin Karoline veranlasste 1766 die Umwandlung in einen sog. englischen Park. In englischen Parks sind Fließgewässer absolut erwünscht, wenn nicht sogar notwendiger Bestandteil. Aus diesem Grund wurden andernorts oft Bäche und Flüsse künstlich umgeleitet, um solche Parks mit Fließgewässern oder ganz allgemein mit Wasser zu beleben. So etwas haben aber nicht nur englische Lords in der Vergangenheit gemacht, auch in Darmstadt war dies so umgesetzt worden. Nachdem 1794 die Landstraße nach Frankfurt, die bis zu diesem Jahr als “Kreuzweg” durch den Park lief, als heutige Frankfurter Straße nach Westen verlegt war, konnte der Park mit den neuen Flächen insgesamt als echter englischer Garten angelegt werden. Es entstand eine künstliche Landschaft mit Teich, Bächen, offenen Wiesen, Gehölzrändern und Baumgruppen. 1811 wurde der Park offiziell für die Darmstädter Bevölkerung geöffnet (Auszug aus Darmstädter Denkmal-Topographie). Die Bäche im Park wurden natürlich mit Wasser gespeist, das auch vom Darmbach abgezweigt wurde, denn andere Möglichkeiten waren nicht gegeben. Leider sind diese Wasserläufe verschwunden.

Verschiedene deutsche Städte bewerkstelligen so etwas sogar in unserer Zeit. So hat zum Beispiel die Große Kreisstadt Öhringen, die Residenzstadt der Fürsten zu Hohenlohe, in ihrem zentral gelegenen Hofgarten, der 1800 zu einem englischen Garten umgestaltet worden war, im Jahre 2010 einen künstlichen Wasserlauf eingeweiht, der der Trasse des alten Stadtbaches Ohrn folgt, ohne allerdings so viel Wasser zu führen wie die begradigte Ohrn. Die Ohrn fließt in ihrem tiefen Bett am Hofgarten vorbei, während das Wasser des neuen Wasserlaufs durch eine Pumpe auf das Niveau des Hofgartens angehoben wird. Mit im Verbund dieses Projektes auch ein [Wasserspielplatz][12] für die Kinder der Stadt, hinter dem das Wasser wieder der Ohrn zugeführt wird. Zwar war auch dieses Projekt in Öhringen wegen der Kosten ein lange und viel diskutuertes Projekt, aber bereits ein knappes Jahr nach seiner Einweihung waren die Kritiker verstummt und der Wasserlauf ist eine von der Bevölkerung hochgeschätzte Errungenschaft.

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Auch andere berühmte Englische Gärten in Deutschland, z.B. der Englische Garten in München oder der Englische Garten beim Schloss Meiningen, leben geradezu von ihren Wasser- und Bachlandschaften.

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In DA ist es an der Zeit, diesen Mangel im Herrngarten endlich zu beheben. Der Wiederherstellung des Darmstädter Stadtbaches (Darmbach) und seine (bereits baureif geplante) Durchquerung des Herrngarten wäre die Chance schlechthin. Man kann hoffen, dass sich diese Einsicht auch bei den lokal verantwortlichen Politikern und Pressevertretern bald durchsetzt. Leider sind diese bisher noch überholten Vorstellungen verhaftet und sehen diesen Stadtbach lieber kostenintensiv in die Kläranlage münden, als ein Wiederherstellungsprojekt zu unterstützen.

Auch für die politische Entscheidung zum Darmstädter Stadtbach-Projekt gilt:
Qualität ist Wissen und Bewusstsein!

Es muss daher jede Möglichkeit genutzt werden, Sachinformationen und Sachargumente zum Darmstädter Projekt öffentlich zu machen. Ein Beispiel ist der Bericht der [Hessenschau][97] vom 23. September 2012.

Interessant für die Darmstädter Verhältnisse ist auch ein weiteres deutsches Offenlegungsprojekt, welches in Baden-Württemberg mit großem Erfolg verwirklicht wurde. Interessant, weil was Umfang und benötigte technische Lösungen mit Darmstadt sehr vergleichbar sind. Die Stadt Villingen-Schwenningen, auf deren Gemarkung die Neckarquelle liegt konnte im Jahr 2010 ihr Neckar-Wiederherstellungsprojekt abschließen und den wieder ans Sonnenlicht geholten Neckarbach als Kernstück der Landesgartenschau Baden-Württemberg 2010 der Öffentlichkeit vorstellen.

EU Wasserrahmenrichtlinie: Broschüre des BMU

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